Die Familie ist die älteste aller Gemeinschaften und die einzig natürliche.

Donnerstag, 15. Juli 2010

Bericht v.Dr.Karl u.Ing Josef Frohner

Anlage I

Warum beginnen die Zistersdorfer Matrikelbücher 1626 ?

Die Matrikelbücher der Pfarre Zisterdorf ( Verzeichnisse der Taufen, Trauungen und Begräbnisse innerhalb der Pfarre ) reichen vom Jahr 1626 bis in die Gegenwart, wobei auffällig ist, dass diese Reihe der Matrikelbücher auch nicht durch Katastrophen, wie der Eroberung Zistersdorfs durch die Kuruzzen unter Graf Simon Forgach am 17. Oktober 1706 unterbrochen ist. Es fehlt bloß das Trauungsbuch der Jahre 1663 bis 1706, wobei es naheliegend wäre, dass dafür doch dieses Ereignis der Eroberung der Stadt durch die Kuruzzen, eine wahre Katastrophe, die Ursache darstellt. Es ist die Sammlung dieser Verzeichnisse eine mustergültige Quelle der lokalen Geschichte und für individuelle familiäre Forschungen ! Warum aber reichen die Verzeichnisse bis 1626 zurück und nicht weiter bzw. weniger weit ?

Der Ursache liegt in der Allgemeinen und der Religionsgeschichte unserer Heimat begründet.
Die Reformation erreichte bekanntlich auch Österreich bzw. alle Länder der Habsburger – Monarchie. 1568 gewährte Kaiser Maximilian II. den Herren und Rittern im Erzherzogtum Österreich die Religionsfreiheit. Der Adel wurde damit ( endgültig ) in seiner Mehrheit protestantisch, gleichfalls ein Teil des Bürgertums der Städte. Die Landbevölkerung blieb wohl großteils katholisch, wenngleich der Adel auf seine Untertanen im Sinne seiner religiösen Ausrichtung Druck ausübte. Im Hintergrund stand die ständige Bedrohung durch die Türken aus Ungarn seit 1526 ( Schlacht bei Mohacs ). Die evangelische Religion im Erzherzogtum Österreich besaß aber keine flächendeckende Organisation, sondern war eine Kirche der adeligen Patronatsherren ( Siehe „Geschichte Österreichs / Bd. 9 Ständefreiheit und Fürstenmacht“ ! ).

Die Evangelische Religion wurde, wie schon oft vorher, z. B. im Schmalkaldischen Krieg, zu politischen Zwecken eingesetzt, etwa im Ringen der Landstände und der Landesfürsten um ihren jeweiligen Anteil an der politischen Macht. Das war explizit auch in der fraglichen Zeit der Fall ! Da die Mehrheit des Adels damals protestantisch war und die Habsburger als Landesherrn katholisch, war die unterschiedliche Religion leicht auch politisch zu instrumentalisieren. Dazu kam, dass die westeuropäischen Staaten, die als modern und politisch schlagkräftig galten, wie Frankreich, England und Spanien, monarchisch – zentralistisch strukturiert waren, während die habsburgischen Erblande traditionell in Form einer Machtbalance des Fürsten mit den Ständen ( Adel, hohe Geistlichkeit und Städte ) regiert wurden, was als überholt galt. Der protestantische Adel sah damit auch seine Religion als politisches Instrument gegen den nach mehr Macht strebenden Fürsten an, wo die Habsburger doch selber wussten, wie die Machtfülle der Könige von Spanien oder Sizilien politisch viel bequemer zu handhaben war, als die komplizierte Mitregentschaft der Stände in den diversen Landtagen der Erbländer, der 5 Länder der böhmischen Krone und in Ungarn, noch dazu mit den Türken im Lande und den Fürsten von Siebenbürgen als türkischeVasallen.

Dieser Verfassungskampf verschärfte sich unter Kaiser Rudolf II., der in Böhmen mit dem Majestätsbrief 1609 den böhmischen Adeligen weitgehende Religionsfreiheiten zugesagt hatte und auch damit die Gegnerschaft seiner Brüder hervorrief ( „Bruderzwist im Hause Habsburg“ ). In Österreich hatte der protestantische Adel unter Führung des Mühlviertler Kalvinisten Georg Erasmus von Tschernembl schon 1600 eine mächtige protestantische Ständeopposition gegen den Landesherrn, Kaiser Rudolf II., organisiert. 1608 sprengten die Protestanten unter Führung Tschernembls den österreichischen Landtag und versammelten sich in Horn ( „Horner Bund“ ), während die übrigen Landtagsmitglieder in Wien verblieben. Der „Horner Bund“ überlegte die Habsburger als Landesherren abzusetzen und verhandelte mit norddeutschen protestantischen Fürsten. Alle diese Verfassungswirren führten dazu, dass die Habsburger (= 5 Söhne Kaiser Maximilians II. ) den Kaiser Rudolf II. zum Verzicht auf die Herrscherrechte in Österreich, Ungarn und den böhmischen Nebenländern nötigten, wo Erzherzog Matthias als nächstältester die Herrscherrechte übernahm. Aber auch Matthias musste dem „Horner Bund“ weitere Zugeständnisse machen.

1611 starb Kaiser Rudolf II. und Matthias folgte ihm auch als König von Böhmen und wurde 1612 in Frankfurt zum Kaiser gekrönt. Die Übergriffe des protestantischen Adels in Böhmen konnten nicht gestoppt werden, wo es besonders um die Aneignung von Kirchengut ging, wie das norddeutsche Beispiele nahe legten. Der Gegensatz zur Regierung in Prag kulminierte im Adelsaufstand von 1618 mit dem 2. Prager Fenstersturz ( die kaiserlichen Statthalter, die Grafen Martinitz und Slavata, wurden aus dem Fenster des Hradschin geworfen ). Der König von Böhmen, Kaiser Matthias, starb 1619 und die Habsburger setzten die Nachfolge von Erzherzog Ferdinand, dem Regenten von Innerösterreich ( Steiermark, Kärnten, Krain ) als Herrscher in Böhmen und Ungarn, in Österreich und den böhmischen Nebenländern durch. Ferdinand wurde 1619 auch Kaiser ( Ferdinand II. ). Die österreichischen Adeligen setzten Kaiser Ferdinand in der Wiener Hofburg unter Druck, um zusätzliche Zugeständnisse zu erreichen ( „Sturmpetition“ ), doch ein aus Ungarn zurückkehrendes Kürassierregiment befreite den Kaiser, eher zufällig, von dieser Pression.

Im Jänner 1620 setzten die protestantischen Adeligen von Böhmen die Habsburger als Herrscher in Böhmen ab und riefen den Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz als neuen König ins Land. Diese waren verbündet mit dem im Horner Bund zusammengeschlossenen Adel Österreichs, dem Adel der böhmischen Nebenländer und dem Fürsten von Siebenbürgen, dem Kalvinisten Bethlen Gabor. Es war dies eine massive und auch gefährliche Revolte gegen die Habsburger und es war eher ein Glück, dass die Türken in einen heftigen Krieg mit den persischen Safawiden verwickelt waren und den 1606 geschlossenen Frieden von Zsitvatorok einhalten mussten.

Der Kaiser Ferdinand II. verbündete sich mit dem Herzog Maximilian von Bayern und der Liga katholischer Fürsten und ein gemeinsames Heer unter dem bayrischen Feldherrn Tilly drang in Böhmen ein. Die Adeligen des „Horner Bundes“ unterstützten mit ihren Kräften die Armee des „Winterkönigs“ ( Friedrich von der Pfalz, so genannt, weil er ungestört einen Winter regiert hatte ). Bethlen Gabor jedoch gedachte nicht, bereits jetzt einzugreifen ( er tat es später, im 30 jährigen Krieg und belagerte 1623 auch Zistersdorf ). In der Schlacht am Weißen Berg bei Prag wurde am 8. November 1620 das Heer des Winterkönigs vernichtend geschlagen. Das Regime der Habsburger in den böhmischen Ländern war gerettet !
Gegen die Aufständischen setzte nun ein Strafgericht ein. Die Führer des böhmischen Aufstandes wurden 1621 in Prag am Altstädter Ring hingerichtet. Die Angehörigen des „Horner Bundes“ kamen etwas glimpflicher davon: von 62 Herren wurden 51 enteignet !

Die Herrschaft Zistersdorf war nach dem Aussterben der Pottendorfer 1487 in den landesfürstlichen Besitz übergegangen und von Kaiser Rudolf II. 1591 an Eustach von Althan verkauft worden. Dessen Sohn Johann musste Zistersdorf seinem Hauptgläubiger Erasmus von Landau überlassen. Landau war, wie auch Althan, Protestant und sie behinderten nachhaltig die katholische lokale Kirchenorganisation. Es wurde keine katholische Pfarre Zistersdorf geduldet. Es gab protestantische Prediger. Da Landau führend am „Horner Bund“ beteiligt war, verlor er 1620 alle seine Güter per Konfiskation. 1622 verkaufte die kaiserliche Hofkammer die Herrschaft Zistersdorf an den Feldherrn Rudolf von Teuffenbach, der auch ursprünglich Protestant war, aber zu einem eifrigen Katholiken mutierte. Er gründete 1627 das Franziskanerkloster in Zistersdorf. Im gleichen Jahr wurden alle protestantischen Prediger und Schulmeister aus Österreich ausgewiesen und alle Patronatsherren der Pfarren wurden verpflichtet, katholische Geistliche als Pfarrer vorzuschlagen. In Zistersdorf war durch Teuffenbach offensichtlich schon 1626 die katholische Pfarre wieder in Funktion.